Essstörungen – H wie Halbwahrheiten

Ehrlich?! Ich als inaktive Essgestörte habe bis dato ganz, ganz, ganz wenige Artikel besagter Zeitschriften, Magazine und Zeitungen zum Thema Essstörung gelesen. Bin ich vielleicht gar keine richtige Essgestörte, weil ich den journalistischen Texten nicht entspreche?

Manchmal lasse ich das Lesen sicherheitshalber bleiben, aber manchmal ist meine Neugier über diverse Halbwahrheiten dann doch größer. So auch diesmal. Es geht um den Artikel der Frankfurter Rundschau vom 21.02.2018 von Christina Bachmann: Kalorien und Co. Teufelskreis Essstörung: Wenn sich alles ums Gewicht dreht

Fakt 1

Nur sind die Übergänge zwischen dem Bestreben, ein paar Pfunde loszuwerden, und einem gestörten Verhältnis zum eigenen Körper fließend. „Am Anfang will man etwas weniger wiegen, dann hat man dieses Weniger erreicht und denkt: „Ich könnte ja noch mehr abnehmen“.“ So gerät manch einer in einen Strudel, erklärt Professor Stephan Herpertz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen (DGESS).

Ist das wirklich so einfach darstellbar? Sorry, aber ich kann nur mit dem Kopf schütteln. Versetze ich mich in eine themenfremde Person, könnte er/sie verstehen: “Bei Essstörungen dreht sich von jetzt auf gleich alles um die Gewichtsreduktion.”

Und bitte, in welchen Strudel gerät denn so manch einer? In einen Apfelstrudel? Oder in einen Gemüsestrudel? Oder etwa in einen Wasserstrudel? Was hat Strudel mit Gewicht und Essstörung oder essgestörten Verhalten zu tun? Fehlende erklärende Worte bergen Unmengen an Missverständnissen.

Fakt 2

Anders als bei jemandem, der einfach ein bisschen abnehmen will oder gar muss, beherrscht das Thema Gewicht bei Magersüchtigen den gesamten Alltag. Um immer weiter abzunehmen, stellen sie das Essen weitgehend ein und treiben häufig auch extrem viel Sport.

Neben Magersucht (Anorexie) gibt es aber noch weitere Essstörungen, erläutert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)(…)

Das Thema Gewicht beherrscht nicht nur bei der Magersucht den Alltag. Fernab dieser Süchte regieren zu viele/zu wenige Kilos die Gedanken vieler Menschen. Natürlich sind die Medien nicht ganz unschuldig an dieser Misere.

Ach, bevor ich es vergesse. Das Gewicht spielt auch bei den weiteren essgestörten Formen eine tragende Rolle. Warum wird immer nur von der Anorexia nervosa gesprochen? Übrigens ist Anorexie und auch die  sogenannte Fettsucht (Adipositas) keine Essstörung. Positiv finde ich, dass wenigstens die Bulimie und Essanfallstörung erwähnt wurde.

Fakt 3

Extremer Gewichtsverlust ist ein sehr offensichtliches Anzeichen für eine Essstörung. Eltern sollten aber schon hellhörig werden, wenn sich bei ihrem Kind alles nur noch ums Thema Essen dreht. Betroffene ziehen sich manchmal auch zurück, wirken verändert. Um dann reagieren zu können, ist ein gutes Verhältnis zum Kind Voraussetzung, betont Andreas Schnebel, Diplom-Psychologe und Vorsitzender des Bundesfachverbandes Essstörungen (BFE) in München. Er leitet die Organisation ANAD, die Beratung und Therapie anbietet.

Frühzeitig zu reagieren, kann bestenfalls verhindern, dass sich eine Essstörung manifestiert. Aber: Einen Betroffenen davon zu überzeugen, dass er ein Problem hat, ist alles andere als einfach. Diese Erfahrung macht auch Professor Herpertz. Oft werden Kinder von ihren Eltern geradezu in die Ambulanz der Bochumer Klinik gezerrt. „Das zeichnet essgestörte Menschen aus, dass sie sehr lange Verläufe aufweisen, ehe sie in Therapie gehen.“

Moment, wenn ein extremer Gewichtsverlust bemerkt wird, ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen – sprich, die Essstörung hat die Oberhand gewonnen. Und wenn genau das bemerkt wird, ist es mit vorbeugenden Maßnahmen deutlich zu spät.

Wie sollen denn Eltern reagieren? Sie wissen doch gar nicht, worauf sie IM VORFELD achten müssen. Warum gibt es Ratschläge erst dann, wenn diese perfide Sucht ihr Unwesen treibt? Was passiert eigentlich mit den Kindern, die kein gutes Verhältnis zu den Eltern haben? Sind diese komplett verloren? Wurde diese von der Gesundheitspolitik bereits linear oder degressiv abgeschrieben?

Recht gut ist der Hinweis, das Betroffene ihre Essstörung sehr lange leugnen, zumindest nach Außen. Leider wird auf die Hilflosigkeit der Eltern nicht näher eingegangen. “Zerren” hat einen negativen Schatten. In diesem Fall – ohne weitere Erläuterung – ist es m.E. der falsche Begriff.

Fakt 4

Dabei gibt es viele Hilfsangebote in Deutschland: von einer Beratung über ambulante Einzeltermine bis hin zu Wohngruppen oder einem Klinikaufenthalt. Wichtig ist aber auch eine gute Nachsorge. „Wenn man eine Essstörung hatte und erfolgreich therapiert wurde, kann man leicht wieder reinrutschen“, sagt Lydia Lamers von der BZgA. Unterschiedlichste Auslöser können dazu führen, dass die Krankheit erneut auftritt. „Essen ist eben jeden Tag allgegenwärtig.“

Hier verschlug es mir die Sprache. Ich schaute in meinen Personalausweis, ob ich wirklich in Deutschland wohne, um sicher zu gehen, dass ich nichts Falsches schreibe. Und ja, ich wohne in dem Deutschland, welches viele Hilfsangebote im Bereich Essstörung vorweisen kann. Wo genau wird flächendeckend geholfen? Müssen essgestörte Familie vielleicht umziehen? Ich für meinen Teil kann sagen, dass es regional sehr dürftig aussieht. Vor allem in ländlichen Gebieten.

Hier wird suggeriert, das Gesundheitswesen und die Gesundheitspolitik haben bereits auf den gefährlichen Trend reagiert. Dem ist aber nicht so! Verdammte Axt! Die regionalen Unterschiede sind verheerend. Zum Kotzen die Augenwischerei!

Nachsorge ist ein Thema für sich. Wenn sich regional keiner für Essstörungen verantwortlich fühlt, dann sind das leere Worte. Ach und Essstörungen bleiben ein Leben lang und haben mit einer erfolgreichen (manchmal durchgelogenen) Therapie nichts am Hut. Schließlich bleiben Alkoholiker auch immer Alkoholiker, selbst wenn sie trocken sind. Das Ziel ist bei einer bestehenden Erkrankung eine Inaktivität zu erreichen. Weg oder geheilt im herkömmlichen Sinne, ist man m.E. nicht.

Achtung

Das ist meine Meinung und wenn es auf dich nicht zutrifft, ist das vollkommen in Ordnung.

HAppy Kalorie

PS: Das PräventionsbuchEssstörungen – Was ist dasist im Handel erhältlich. Smiley

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PPS: Happy Kalorie ist auch auf Facebook, Instagram und YouTube aktiv.

12 Gedanken zu “Essstörungen – H wie Halbwahrheiten

  1. Das ist leider das Problem, wenn alles in einen Topf gepackt wird. Man verliert die Wahrheit über diese so ernste Krankheit. Essstörungen sind nicht gleich, sondern können ganz individuell ausfallen. Und bei Krankeiten wie Anorexie oder Binge Eating gibt es ganz große Unterschiede!!

    Neulich habe ich auch einen Film gesehen, der Anorexie visualisert, aber selbst dieser war voller Klischees und Stereotypen!! Da kann ich mich nur anschließen beim Kopf schütteln. Diese Fime, Bücher, Artikel, die eigentlich helfen wollen, machen es damit aber nicht besser – im Gegenteil!

    Toll auf den Punkt gebracht!
    Liebe Grüße! ❤

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    • Danke, liebe Mia, für deine Ergänzungen und persönliche Sichtweise. 😍
      Besser wird es m.E. erst dann, wenn mit diesen Klischees aufgeräumt wird und Betroffene ihre unterschiedlichsten Erfahrungen äussern, damit bewusst wird, dass es nicht nur die Mediendarstellungen gibt. Der Wahrheitsgehalt würde dann auch steigen. Schon allein deshalb sind wir mit unserer Offenheit auf einem guten Weg, um diesen Lückentexten würdevoll entgegenzutreten. 💪
      Liebe Grüße zurück 🌞

      Gefällt 2 Personen

  2. Das Thema Gewicht beherrscht sogar mehr Facetten des Alltags und Berufslebens, wie man bei genauerem Hinsehen feststellen kann/muss. Eine junge, völlig gesunde Kollegin, die zwar kompakt, aber keineswegs fettleibig ist, m. E. gut proportioniert, muss auf Maßgabe des Amtsarztes 11! Kilo abnehmen, um verbeamtet zu werden. Als ich das hörte, war ich doch ziemlich entsetzt.

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    • So ist es. Erschreckend und schockierend zugleich. 😔
      Warum wird einem gesunden Menschen vorgeschrieben, wie viel er/sie zu wiegen hat? Das grenzt schon fast an Körperverletzung. Elf Kilo weniger machen sie zu keiner anderen, besseren Person. Man sollte meinen, man wird wegen seiner fachlichen Qualitäten und nicht wegen des Gewichtes eingestellt, befördert, verbeamtet etc. Der Schein trügt, mal wieder … 😕 Irgendwann gibt es solche Schlitze und Raster wie bei der Post für jegliches, die die Menschen aussieben und was weiss ich nicht noch alles …

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  3. Interessante Betrachtungsweise des Artikels. Und ich finde es toll, wie offen Du mit dem Thema umgehst. Das Problem ist, denke ich, sicherlich auch, daß nur wenige ähnlich offen auch in einem Interview reden, was meinst Du?
    Ganz allgemein glaube ich, daß man sich in Erfahrungsberichten niie zu 100 Prozent wiederfindet. Oft vielleicht auch gar nicht wiederfinden möchte.

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    • Danke für deine lobenden Worte. 😊🌻
      Ob andere wirklich offen in Erfahrungsberichten sind, kann ich schwer beurteilen. Ich für meinen Teil bin es zu 200 %. Von ein paar weiteren Bloggerinnen weiss ich, dass sie ebenfalls (auf ihre Weise) offen damit umgehen. Und genau das ist m.E. wichtig. Wir fungieren als Vorbild, wenn man das so bezeichnen kann. 😉 Denn durch Offenheit können viele Missverständnisse und Klischees und, und, und beseitigt werden. Zumindest so der Plan. 😎
      Über deine Anmerkung, ob man sich wirklich wiederfinden möchte, muss(te) ich nachdenken. Und ja, vielleicht will man es gar nicht und dann wieder doch. Ein guter Aspekt. Danke dafür… Es kreiselt in meinem Kopf. 😊
      Alles Liebe
      Michaela

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      • Der Plan mit der Offenheit klingt gut und ich schätze mal, es braucht eine Menge Aufklärungsarbeit.
        Hast Du mal darüber nachgedacht, Dich als Interviewpartnerin zur Verfügung zu stellen?
        Darüber wäre man sicherlich an der einen oder anderen Stelle dankbar. (Auch diejenigen, die Gesprächspartner suchen.) Denn erfahrungsgemäß sind die besten Aussagen oft „off tape“ oder werden im Printbereich beim Gegenlesen „entschärft“.

        Viele Grüße,
        Heinz

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      • Hallo Heinz, ich habe darüber schon oft nachgedacht und viele Möglichkeiten der Medien und Presse bereits kontaktiert. Es kam nichts zurück, nicht mal ein „Nein, kein Bedarf“. Deshalb möchte ich mein eigenes kleines Format aufziehen.
        Aber vielleicht lag mein Fokus anders. Ich sollte nach denjenigen suchen, die mich suchen. 😉
        Danke für deine Argumente und persönlichen Input. ☺
        Viele Grüße zurück
        Michaela

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      • Hallo Michaela, eigenes Format und Interview irgendwo schließen einander ja nicht aus. Keine Rückmeldung zu kriegen, ist Mist, aber leider nicht medienspezifisch. Mir ist diese Woche auch ein Interview geplatzt, weil da eine Vermarktungsagentur dazwischen hing.
        Ich kann da nur raten, es immer wieder zu versuchen. Mal wechseln die Entscheider wöchentlich 😉 , ein anderes Mal ist das Blatt halt schon konzipiert, etc.
        Das Thema braucht Aufmerksamkeit und Aufklärung. Geschickt ist, wenn Du einen Aufhänger gleich mit lieferst. Bleib am Ball!
        Viele Grüße,
        Heinz

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      • Super, Heinz, und danke für deine Motivation. Du hast recht, mit all deinen genannten Punkten. Ich bleibe am Ball. An Hartnäckigkeit und Ehrgeiz fehlt es mir nicht.
        Dir morgen einen tollen Wochenstart. 🙂

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