Essstörung: Sucht vs. Suchtcharakter

Obwohl mein erstes Buch noch nicht mal erschienen ist, plane ich bereits einen weiteren Ratgeber zum Thema Essstörungen. Eine gute Vorarbeit zur Strukturierung ist genauso notwendig, wie andere oder gar außenstehende Blickwinkel zu recherchieren. Bei der ersten Suche im Internet, stieß ich auf kontroverse Ansichten, bezüglich der Klassifizierung einer Magersucht, Ess-Brech-Sucht und Essanfallstörung.

Für mich gab es nie einen Zweifel, dass Essstörungen aller Art zu den Süchten gehören. Im Detail: Diese psychischen Erkrankungen zähl(t)en für mich zu den stoffungebundenen Süchten. Ich war viele Jahre dem essgestörten Zwang erlegen. 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 4 Wochen im Monat, ach, 365 Tage im Jahr drehten sich meine Gedanken ums Hungern, (Fr)Essen und Erbrechen (kotzen trifft es eher), um ganz schnell, ganz viel an Gewicht zu verlieren. Nichts anderes hatte mehr Platz in meinem Kopf. Schule, Ausbildung, Job, Freunde, Familie etc. liefen nebenbei. Alles wurde mir egal, solange ich nach Herzenslust dem Zwang meiner geliebten Essstörung nachgeben konnte.
Ich dachte nicht an mein Umfeld, welches in der Krisenzeit so schmal wie ich war. Nur ein harter Kern hielt bedingungslos zu mir. Jobs, Freunde und Partner kamen und gingen, während ich mir täglich ausreichend Zeit nahm, mich um den bulimische Teil meiner Magersucht zu kümmern. So manchen Fressflash integrierte ich in ganz unscheinbare Mahlzeiten. Das Entledigen im Nachgang war eine geräuschlöse Angelegenheit von kurzer Dauer. Selbst wenn ich es gewollt hätte, ich hätte damals nicht einfach aufhören können. Egal wie kaputt und schmerzerfüllt ich nach den Kontrollverlusten war, nach einer Stunde, spätestens am nächsten Tag begann das traurige Spiel von vorn.
Deshalb gehört für mich als stabile Essgestörte, eine Essstörung zur Sucht. Ein Drogenabhängiger muss sich einen Schuss setzen, wenn die Wirkung nachlässt. Ein Alkoholiker muss wieder zur Flasche greifen, wenn der Alkoholspiegel sinkt. Oder ein Glücksspieler muss wieder zocken, obwohl kein Geld mehr übrig ist. Naja und ein Bulimiker muss wieder sämtliche Lebensmittel in sich hineinstopfen, wenn die Zeit ran ist. All die genannten Beispiele gehören zur klassischen Sucht, außer die Bulimia nervosa. Huch, warum das auf einmal?

Sind Essstörungen eine Sucht?Nein. Einige Verhaltensweisen von essgestörten Menschen können den Charakter einer Sucht annehmen. Meist wird der gesamte Alltag der Betroffenen bestimmt von Kontrollverlust, Wiederholungszwang und sozialer Isolation. Das ähnelt dem Krankheitsbild der „stoffgebunden Süchte“ wie Drogensucht oder Alkoholabhängigkeit. (Quelle: BZgA)

Laut BZgA haben Essstörungen lediglich einen Suchtcharakter, gehören aber nicht zur Sucht. Was der Leser nicht bemerkt, ist, dass die BZgA Essstörungen fälschlicherweise mit “stoffgebundenen Süchten” vergleicht.

Stoffgebundene Süchte sind u.a.:

  • Alkoholsucht
  • Nikotinsucht
  • Cannabissucht

Stoffungebundene Süchte sind u.a.:

  • Kaufsucht
  • Spielsucht
  • Arbeitssucht
  • UND Esssucht oder Essstörung

Sucht

Wenn Essstörungen nicht zu den Süchten gehört, warum heißt es dann MagerSUCHT und Ess-Brech-SUCHT? Ist das nicht irreführend?
Ich kam durch meine Recherche zur Erkenntnis, dass die Fakten über Essstörungen grundlegend überarbeitet und vereinheitlicht werden müssen. Eine psychische Erkrankung wird weitaus weniger ernst genommen, wie eine Sucht.
Würfle ich alles zusammen, sind Essstörungen quasi psychische Erkrankungen mit Suchtcharakter, die nur bei denen den Status Sucht haben, die selbst in diesem mörderischen Strudel gefangen waren oder leider noch sind.

Zum Thema Alkoholsucht möchte ich dir einen sehr informativen Blog von Marc Zahn – Gegensuchtblog ans Herz legen. Er schreibt, wie ich, aus der Betroffenensicht. Im kommenden Jahr, werden Marc und ich ein paar themenübergreifende Blogartikel veröffentlichen. Uns beiden ist Aufklärung und Prävention sehr wichtig, denn (ehemalige) Betroffene berichten mit Gefühl über das, was sie selbst schmerzlich gespürt und sich nicht angelesen haben.

PS.: Demnächst veröffentliche ich das Cover zum Buch “Essstörungen – Was ist das? Das ABC der Magersucht, Ess-Brecht-Sucht und Essanfallstörung”, welches am 15.10.2017 im dielus editions-Verlag erscheint. Es ist wirklich sehr gut gelungen. Smiley
Nur so viel: Rexi, Limi und Eati sind zu ausdrucksstarken Figuren geworden.

2 Gedanken zu “Essstörung: Sucht vs. Suchtcharakter

  1. missrecoveryblog schreibt:

    Ich hoffe, dass irgendwann einmal die Zeit kommt, wo Essstörungen als „reale“ Krankheiten / Süchte wahrgenommen werden. Ich habe oft den Eindruck, als wären Essstörungen oft als „eingebildete Krankheiten“ verpönt. Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf Dein Werk! 🙂 Alles Liebe!

    Gefällt 1 Person

    • Ich danke dir für deine Worte. Dein Empfinden ist auch mein Empfinden. Mit meiner Arbeit kann ich all das nicht auf links drehen, aber ich kann meinen Teil dazu beitragen, dass der Thematik mehr Beachtung und Ernsthaftigkeit geschenkt wird. 💪🖒
      Viele Grüße 😃
      Michaela

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