Magersucht – E wie Erinnerung

Letzte Woche berichtete Limi von einer Erinnerung, die sie nie vergessen wird. So unscheinbar diese auf den ersten Blick auch war, so zerstörerisch entpuppte sich das Erlebnis für bzw. auf ihren weiteren Lebensweg.

Das Zitat, um welches es sich drehte und noch immer dreht:

Was du mir sagst, das vergesse ich. Was du mir zeigst, daran erinnere ich mich. Was du mich tun lässt, das verstehe ich.
Konfuzius

Rexi gleitet in die Erinnerung ab

(…) Ich war gerade mal neunzehn Jahre alt, als ich mich auf dem Boden liegend wiederfand. Mein ganzer Körper zitterte. Einerseits vor Kälte, anderseits aus Angst. Nur langsam registrierte ich, was mit mir kurz zuvor geschah.

Mein Körper streikte. Er wollte nicht mehr so gequält werden. Seit Wochen aß ich kaum. Trank nur literweise schwarzen Kaffee und rauchte eine nach der anderen. Mein Kühlschrank war so gut wie leer. Nur Lebensmittel mit verschwindend geringen Kalorien fristeten ihr Dasein. Schon allein wenn ich an Essen oder gar ans Kauen dachte, wurde mir schlecht.

Mir ging es den ganzen Tag schon nicht gut. Die Ohren fiepten, der Kopf pochte und mein Magen krampfte. “Du musst was essen!”, dachte ich auf den Weg in die Neubauküche. Ich war noch nicht ganz in der Küche, sackte ich mit einem Mal zusammen. Weg war die Kraft in den Beinen und im Kopf. Weg aus jeder Faser meines Körpers.

Wie lange ich auf dem Boden lag, weiß ich im Nachgang nicht mehr. Ich versuchte mich mit heißen Tränen, die wie Rinnsale aus meinen Augen liefen, zu wärmen. Vergeblich, ich war ganz unten in der Eiswüste angekommen.

Leise, mit tränenerstickter Stimme, rief ich: “Mama! Mama! Hilf mir doch! Siehst du nicht, wie sehr ich dich brauche?!” Eisige Stille um mich herum.

Nachdem ich mich beruhigt hatte, versuchte ich aufzustehen. Doch noch immer fehlte mir die nötige Kraft dazu. Also blieb ich liegen. Ich wartete auf die helfende Hand und liebevollen Worte meiner Mutter. Nichts passierte. Ich atmete ein. Nichts passierte. Ich atmete aus. Nichts passierte.

“Sie wird dir nicht helfen!”, sagte eine innere Stimme hart zu mir. “Sie ist gar nicht da. Sie hat dich nie gesehen und sie wird dich auch zukünftig nie sehen. Mal ganz davon abgesehen, dass zwei Stunden Fahrzeit zwischen euch liegen.”

“Scheiße!”, fluchte ich laut. “Wie blöd bin ich eigentlich! Ich will mich unsichtbarmachen mit der Hoffnung, dass mich meine Mutter sieht. Völliger Quatsch! Ich sollte aufstehen und endlich mein Leben in meine Hand nehmen!”

Zwar konnte ich nicht sofort aufstehen, aber nach einer Weile raffte ich mich auf. Am nächsten Tag suchte ich das vertrauliche Gespräch zu meiner Berufsschullehrerin. Ihre Handlung rettete letztendlich mein Leben. Sie brachte mich zum Arzt und dort erhielt ich fürs erste Infusionen. Mein Gewicht ging zwar in die darauffolgenden Wochen bis 42 kg (bei einer Größe von 1,70 m) runter, aber der Grundstein für meine Genesung war gelegt. (…)

Nächste Woche – am 19.01.2017 – gewährt euch Eati einen Blick in ihre Erinnerung.

Rückblick zu Limi –> Bulimia nervosa – E wie Erinnerung

Ein Gedanke zu “Magersucht – E wie Erinnerung

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