Essstörung – W wie Weihnachten

Der Countdown geht langsam aber sicher in die heiße Phase über. Der heilige Abend steht fast vor der Tür. Mit Weihnachten verbinden die meisten eine glückliche und unbeschwerte Zeit in der Familie, mit Geschenken und strahlenden Augen. Dort ein Plätzchen naschen und hier herzhaft schlemmen, bis nichts mehr in den Magen passt. Was für “Normalesser” ein kulinarische Gaumenfreude ist, ist für Esssgestörte der blanke Horror.

Ich könnte meine weihnachtlichen Erfahrungen, von denen ich dir heute erzählen möchte, im Namen von Rexi schreiben, jedoch steht mir heute der Sinn nach Offenheit. In all meinen Figuren (Rexi, Limi und Eati) stecken meine essgestörten Erlebnisse drin. Die Figuren leben quasi durch meine Essstörung, die ich besiegt habe. Heute aber erzähle ich persönlich.

Wie meine Weihnachtsantipathie entstand

Weihnachten war für mich schon immer eine Qual, auch als Kind. Nur an ein, max. zwei besinnliche Weihnachtsfeste kann ich mich erinnern. Das Schlimmste in der Adventszeit waren für mich die Kirchgänge und das Singen im Kirchchor vor der gesamten Kirchgemeinde. Ich fand das bereits mit 8 | 9 Jahren verlogen und reine Heuchelei. Familiäre weihnachtliche Gemütlichkeit kenne ich nicht. Ein paar wenige Geschenke habe ich erhalten, aber dafür zahlte ich einen hohen Preis.

Ca. ab meinem zwölften Lebensjahr hatte ich regelmäßige bulimischen Phasen. Ich fraß und kotzte anschließend heimlich im Wald, der sich unweit unseres Wohnhauses befand. Die letzten vier Weihnachtsfeste, die ich in Familie erleben musste, waren der Horror. Gewalt und Alkohol bestimmten die festlichen Tage. Ich hatte oft Angst und hasste alles um mich herum, inklusive mich selbst.

Mit 19 Jahre war ich hochgradig magersüchtig und lebte in einer unglücklichen Beziehung. Während sich alle auf Weihnachten freuten, verabscheute ich die Tage. Unzählige traumatische Kindheitserinnerungen stiegen aus der Verdrängung empor. Ich war heillos mit meiner angeschranzten Psyche überfordert. Überall wurde ich gefragt, was ich zu Weihnachten esse und mit wem ich feiere. Ich antwortete genervt: “Ich esse nichts und ich feiere auch kein Weihnachten!”

Am Heiligen Abend saß ich allein Zuhause und stopfte mich den ganzen Tag mit hochkalorischen Lebensmitteln voll. Ich kotzte so lange, bis ich vor Erschöpfung neben dem Klo absackte und liegenblieb. Die innere Leere war nur schwer zum Aushalten. Ich vermisste so viel und hatte so wenig.

Irgendwann rappelte ich mich auf, um die Pflichtbesuche mit einem Lächeln zu absolvieren. All dem dargebotenem Essen zu widerstehen war unmöglich. Ich aß und kotzte heimlich. Einerseits war mir der ganze feierliche Trubel zuviel, anderseits erhoffte ich mir eine innere Zufriedenheit. Damals sah mein Umfeld deutlich, dass etwas mir nicht stimmte. Ich wurde nicht gefragt, was ich habe. Stattdessen wurde ich mit Überfürsorglichkeit meiner ehemaligen Schwiegereltern in die Enge getrieben. Ich löste mich zusehends in Luft auf.

Für mich wurde der Dezember zur Qual. Ich sah überall die glücklichen Gesichter auf den Weihnachtsmärkten und hörte das laute Lachen auf den unterschiedlichsten Weihnachtsfeiern, während ich immer tiefer in die Hölle der Erinnerungen eintauchte.  Mein Leben war in der Adventszeit millionenfach weniger wert als im restlichen Jahr. Mit Fressen, Hungern und Kotzen machte ich mir Luft. Ich wollte nicht nachdenken. Ich wollte den Schmerz nicht spüren. Ich wollte mich nicht ertragen müssen. Je mehr ich versuchte die Kontrolle über meine Gedanken und mein Essverhalten zu behalten, desto schneller verlor ich sie. Ich hatte die Schlacht bereits verloren, bevor ich sie antrat.

Weihnachten verbinde ich mit unsagbarem seelischen Schmerz, der mich viele Jahre zur gleichen Zeit in winzig kleine Stücke zerriss. Mittlerweile bin ich abgestumpft. Die Narben sind so dick, so dass ich nicht so einfach zerberste wie eine Seifenblase. Dennoch genieße ich Weihnachten nicht so, wie es eigentlich sein sollte. Ich will es auch nicht.

Weihnachten ist für mich eine Pflichtveranstaltung mit aufgesetztem Lachen und unsichtbaren Tränen. Ich werden für einen kurzen Augenblick sentimental, ziehe mich heimlich in mein verborgenes Schneckenhaus zurück und trotze nach außen dem, was mir zu nahe kommt.

Es ist ein ausgelebter Trotz, den ich mir aus voller Überzeugung gönne, auch wenn die Essstörung hinter mir liegt. Ich trauere nicht mehr um das, was ich nie besitzen werde. Im Gegenteil, es ist eine Art Verbissenheit, dass ich mich auch an Weihnachten nicht kleinkriegen lasse. Es ist ein Kampf mit mir selbst, den keiner sieht. Wenn andere Weihnachten fröhlich feiern, denke ich an diejenigen, die einsam in ihrem Schmerz gefangen sind.

Früher war ich depressiv, heute bin offensiv und spreche das aus, was mich bewegt. Was ich erlebt habe, dafür kann keiner etwas, weder meine jetzige Familie, Freunde und Bekannte, noch ich selbst. Ich musste lernen, ihre Weihnachtsliebe zu akzeptieren. Es fiel und fällt mir noch immer schwer, jedoch darf jeder seine eigene Stimmung zu Weihnachten verfolgen. Meine Familie respektiert meine Antipathie und dadurch kann ich auch ihre glücklichen Ambitionen akzeptieren.

Essstörungen sind so viel mehr, als nur Hungern, Fressen und/oder Kotzen. Es stecken verhängnisvolle Schicksale und unzählige Probleme dahinter. Die Nahrungsverweigerung oder der knochige Körper oder die Fressattacken sind durch die Essstörung erzwungen, das hat aber nichts mit der eigentlichen Person zu tun.

Trotz meiner geringen Weihnachtsfreude wünsche ich dir – ehrlich – von Herzen ein besinnliches Weihnachtsfest im Kreise deiner Lieben.

Ein großes Dankeschön an dieser Stelle an dich, dass du (regelmäßig) meine Blogbeiträge liest. Smiley Vielen, vielen Dank… Smiley 

Ich bin

2 Gedanken zu “Essstörung – W wie Weihnachten

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