Magersucht: Y wie Typenveränderung

Ich war magersüchtig. Viele Jahre lang. Ich war auch bulimisch. Als Kleinkind gehörte ich sogar zu den Binge Eatern. Daraus mache ich kein Geheimnis. Warum auch? Ich weiß, worüber ich schreibe, weil ich selbst die tiefeinschneide Erfahrung mit der Essstörung gemacht habe. Zwar verließ ich das tiefe Tal des Hungerns und Kotzens vor gut drei Jahren, jedoch habe ich unzählige Narben und einige Nachwehen als Souvenir mitgebracht.

Wenn ich heute so darüber nachdenke, bin ich fast der Meinung, dass ich schon als Essgestörte das Licht der Welt erblickte. Mein ganzer Tag bestand aus Essen und nicht essen dürfen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich nur essen können. Ich war die personifizierte Maßlosigkeit.

Warum?

Ich war einsam und unsichtbar. Mich sah niemand – nicht mal ich. Ich fühlte mich nicht geliebt. Der Grund? Ich schob es damals auf meine mopslige Hässlichkeit. Mit acht kam ich auf die Idee abzuspecken und machte meine erste – von mir gewollte – Diät. Ich lernte dadurch meinen jahrelangen Begleiter, den Hunger, kennen und verliebte mich sofort in ihn.

Diese bedingungslose Liebe ließ meine Pfunde schmelzen und ich gewann kurzzeitig an Selbstwertgefühl. Bis mich die familiären Umstände endgültig in die Arme des Kontrollverlustes trieb, der mich mit zwölf an seinem Zwillingsbruder, der sich Kotzen nannte, weitergab. Ich gründete mit den drein eine Kommune, in der ich freiwillig zweiundzwanzig Jahre blieb. Der Kontrollverlust war das Oberhaupt, denn er beschützte mich seit frühester Kindheit und kannte mich besser, als ich mich selbst.

Was passierte mit mir?

In den Jahren veränderte ich mich immer und immer wieder. Mal war ich stark und blieb von den drei Freunden, die ich zu gleichen Teilen liebte, ein paar Tage fern, um dann reumütig wieder heimzukehren. Jedes Mal wurde ich zärtlich und ohne Vorwürfe empfangen. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart sicher und einsam zugleich. Nur ihnen zeigte ich meine wahren Gefühle und ließ mir von denen meine tiefen Wunden, die ich mir selbst zufügte, versorgen.

Je mehr ich mich in deren wohlig warmen Hände schmiegte, desto mehr Macht besaßen der Hunger, der Kontrollverlust und das Kotzen über mich. Ihre atemraubenden Umarmungen, die alles andere als herzlich waren, zerquetschten mich zusehends. Ich wurde immer schwächer und war mit 19 Jahren fast bereit, mich endgültig aufzugeben. So sehr ich meine Freunde liebte, so sehr hasste ich. Ich hasste mich. Ich fühlte mich nutzlos und armselig. Ich gehörte entsorgt.

Ganz tief unten zündete das Höllenfeuer einen Hoffnungsschimmer an. Ich begann auf einmal gegen die Drei zu kämpfen. Ich schmiss sie raus, sie blieben. Ich begab mich in Therapie, sie folgten mir. Egal was ich auch tat, sie hielten mir die Treue, egal wie sehr ich auch gegen sie ankämpfte.

Und dann?

Der tägliche Kampf machte mich stärker, aber auch langsam wieder mürbe. Im Januar 2013 gelang mir dann der ultimative Gegenangriff. Nach und nach schickte ich den Hunger, den Kontrollverlust und das Kotzen in die Verdammnis. Seitdem habe ich sie nie wieder gesehen.

Erst fühlte ich mich seltsam und irgendwie halbiert, aber die Leere konnte ich schnell mit dem auffüllen, was ich all die Jahre wirklich gesucht habe – eine beständige Liebe. Das veränderte mich wieder, aber nicht komplett. Die einstigen Freunde habe Spuren hinterlassen, die zu meinem Leben dazugehören.

Ich vermisse sie kein bisschen, aber vergessen sind sie auch nicht. Obwohl sie in der Verdammnis schmoren, sind sie ein Teil meiner Persönlichkeit. Fast dreißig Jahre war ich mit ihnen zusammen, so etwas wischt man nicht einfach weg.

Essstörungen nehmen dir alles:

  • die Freude am Leben
  • den Genuss beim Essen
  • die Leichtigkeit des Seins
  • dein Selbstwertgefühl
  • deine Persönlichkeit
  • und noch viel mehr

Der Weg aus dieser trügerischen Wohlfühlzone ist verdammt hart, aber genau dieser Kampf macht einen auch stärker. Nichts wird im Nachgang mehr so sein, wie früher – oh nein. Ein Leben außerhalb einer Essstörung ist kein Zuckerschlecken, dennoch um Längen angenehmer.

Was mache ich mit meinen Erfahrungen?

Für mich hat es sich gelohnt. So wie ich, machen unzählige Menschen die Erfahrung mit dieser Thematik. Essstörungen gehören ans Tageslicht, raus aus der Heimlichkeit. Hinsehen und dasein für diejenigen, die Zeit und Verständnis benötigen, um:

  • den Kampf zu beginnen.
  • den Weg durchzuziehen.
  • die Heimtücke der Essstörung zu erfahren.

Und das packe ich an, denn ich weiß wie es ist, keine Hilfe zu bekommen, obwohl man am Ende seiner Kraft steht.

Prävention ist ein Muss.

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