Magersucht: L wie langsames Essen

Wenn dir was nicht schmeckt, verschlingst du dein Essen, damit es ganz schnell weg ist, oder stocherst du eher auf deinem Teller rum? Es ist noch gar nicht so lange her, als ich das Phänomen bei meinem – völlig gesunden – Sohn beobachten durfte. Zum Abendessen gab es Bohneneintopf, den er gar nicht mochte. Der Suppenteller wurde und wurde nicht leer. Die Bohnen wanderten von der einen runden Ecke zur nächsten. Er kaute zwar, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, es werde immer mehr, statt weniger, in seinem Mund. Mein Sohn kämpfte wie Superman und löffelte tapfer seine Suppe mit ein paar Nörgeleien auf.

Ich glaube, eine solche Situation kennt jeder von uns, ohne gleich an Magersucht erkrankt zu sein. Wo wir beim Thema wären. Magersüchtige essen immer sehr langsam. Zum einen, um zu zeigen: „Schaut her, ich esse ständig!“ Und zum zweiten, um sich auszutricksen. Durch langsames Essen wird man deutlich schneller satt. Wobei auch hier differenziert werden muss. Wenn einer eine halbe Stunde lang auf einer Gurkenscheibe kaut, wird die Person bei weitem nicht satt. Die Macht der irrealen Gedanken und getrübte Eigenwahrnehmung gaukeln Magersüchtigen eine verzerrte Realität vor.

Langsames Essen hat viele Gesichter. Entweder wird das bisschen – extrem kleingeschnittene – Nahrung auf dem Teller hin- und hergeschoben, bis es fast in den Porzellanriefen versinkt. Oder es werden ganz kleine Bisse genommen. Manchmal wird es heimlich in Taschen, Taschentücher, Blumenstöcke, auf den Boden oder sonstigen Gegebenheiten verteilt. Wenn Magersüchtige nicht zwingend an Familienessen teilnehmen muss, sind gefrorene Brötchen und Joghurts beliebt. Denn diese müssen langsam gegessen werden, geht ja gar nicht anders. Ob es im Endeffekt aufgegessen wird, ist unterschiedlich und kommt wieder auf die Situation drauf an.

Das sind nur einige von unzähligen Möglichkeiten, um das Essen in die Länge zu ziehen. Gemeinsame Mahlzeiten mit Freunden und Familie reduzieren sich drastisch. Generell ist essen in der Öffentlichkeit unsagbar schwierig. Dank der Ausreden können sich Magersüchtige dem Zwang gekonnt und anfangs unauffällig entziehen. Das Leben mit einer Essstörung ist verdammt hart, aber hat man irgendwann den Absprung geschafft, ist nichts mehr so wie vor einer Essstörung. Trotzdem lohnt es sich, der Essstörung den Kampf anzusagen. Nur weil etwas anders ist, ist es noch lange nicht schlecht.

langsam

Wie es weitergeht

nächsten Mittwoch – 06.07.2016 – M wie Mangelerscheinung

Auszug aus meinem eBook-Ratgeber: Der Horror des Essens – Vom Genuss Bis(s) zur Essstörung

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